Die Kraft des Wandels?

Im Jahr 2013 konnten wir Arbeiten von Lilian Moreno Sánchez zum “Aschermittwoch der Künstler” präsentieren “Tengo sed – Mich dürstet” lautete der Titel der Ausstellung. In den schwungvollen, sehr ästhetischen Zeichnungen wurden auch damals Teile menschlicher Körper, Knochen und Schädelformen sichtbar. Das Thema der Passion, des Leidens, des physischen und damit auch seelischen Verletzseins durchzieht das gesamte Oeuvre der Künstlerin. Vor dem Hintergrund der wechselvollen Geschichte Ihrer Heimat Chile gehört zum Leid der Opfer von Gewalt auch die Frage nachdem Täterinnen und Tätern, nach den Schergen der Diktatur Pinochets oder einer Polizeigewalt, die seit 2019in Santiago brutal gegen Demonstrierende vorgeht. Gewalt und Verletzung sind aber nicht nur mit Misshandlungen durch Polizei oder Militärs verknüpft. Gewalt und Verletzung sind oft auch Folgen gesellschaftlicher Entwicklungen.

Das damit schon seit Jahren einhergehende Auseinander driften in den Gesellschaften weltweit wird aktuell durch die Corona-Pandemie erbarmungslos offenbar. Es geht hier keineswegs “nur” um Chile, sondern um die Verantwortung Gesellschaft in allen Bereichen menschenwürdig zu gestalten, gerade in einer Situation, in der ein Virus die Zerbrechlichkeit des Menschen unmittelbar bewusst macht. Opfer können derzeit nicht nur sozial und wirtschaftlich Benachteiligte in weit entfernten Regionen oder Erde sein, sondern auch Pflegebedürftige oder Jugendliche bei uns, deren Bedürfnisse in der Krise nicht wahrgenommen werden. Nur das Hinnehmen von Gegebenheiten, die wir vermeintlich nicht hinterfragen können, ist nicht die Aufgabe. Wir müssen sensibel sein für Fehler und den Mut zur Entwicklung alternativer Ideen und Vorgehensweisen bewahren. Es geht immer wieder um das Vertrauen in die Kraft des Wandels, aber auch um die Einforderung eines weiten Raums für die Diskurse, die Wandel erst ermöglichen.

Prof. Dr. Claudia Höhl

Direktorin Diözesanmuseum Hildesheim

> zurück